Die nächste Zäsur in der Eurokrise – Griechenland vs. EU Update 032015

Info: Der Post wurde am 20.03. mit einigen Fußnoten und kurzen Erläuterungen upgedated, am 21.03. mit einer Ergänzung zu dem auch hier benutzten Video von FM Varoufakis nach der dt. Diskussion (in kursiv).

Nach großem Hin und Her und viel Theatralik, kam es am Dienstag vorletzter Woche zu einer Einigung zwischen Athen und den EU-Institutionen. Nachdem durch die Vorgänge bis zur Einigung die Diskussion um den Euro-Raum neu angefacht wurde, ist es wichtig, diese neue Situation und die zukünftigen Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Entwicklungen in der EU vertieft zu analysieren. Denn die Entwicklungen, die sich um den Fall Griechenland ergeben, stellen eine weitere Zäsur in der Eurokrise dar.

Eurokrise Griechenland EurobondsDie Analyse erfolgt entlang von den drei dominanten Fragen in der öffentlichen Diskussion in Deutschland. Diese wurden uns auch nach dem letzter Artikel zur Eurokrise und den Verhandlungen von Griechenland vs. EU in hitzigen Diskussionen und E-Mails gestellt. Eine Überprüfung dieser Fragen führt folglich hervorragend durch die Situation. Sie bieten auch den Hintergrund für die deutliche abweichende Bewertung der Ergebnisse und Situation von meiner Seite. Diese sind:
• Wichtigkeit der Berücksichtigung der Schuld von Griechenland an der Situation. Ist deswegen die Härte angebracht und es nur legitim, die deutschen und europäischen Interessen so zu vertreten.
• Bewertung der Verhandlungen und Einschätzung zur Verhandlungsmacht der griechischen Regierung. Ist sie wirklich so schwach und eine „Laientruppe"?
• Griechenlands Alternativen ohne die EU

Nach der Beantwortung und Bewertung dieser Fragen, wird argumentiert, dass die Härte und der Ton von Seiten der EU unter deutscher Führung im Gesamtkontext nicht zielführend sind. Es wird dargestellt, dass wir damit vollständig in das Paradigma der Machtpolitik ohne Verankerung wirtschaftlicher Ziele, der nächsten Zäsur in dem Ablauf der Eurokrise, angekommen sind. Dabei wirkt die EU insbesondere vor den aktuellen geopolitischen Veränderungen strategisch ziellos.

Abschließend werden kurz die Folgen für Unternehmen und Innovation dargestellt.

Der große Kontext der Griechenland – EU Verhandlungen: europäische Staatsschuldenkrise

Für die Argumentation ist es wichtig, sich nochmals kurz den Kern der gegenwärtigen Krise vor Augen zu führen. Wie hier schon häufig geschrieben ist die Eurokrise eigentlich nicht eine Währungskrise im klassischen Sinne, sondern eine (europäische) Staatsschuldenkrise. Diese findet in einem falsch konstruierten Währungsraum statt. Unter dieser Prämisse ist auch die Austrittsdrohung Griechenlands aus dem Euro zu betrachten.

Für die „Heilung" des falsch konstruierten Währungsraums gibt es nur eine Lösung. Sie heißt gemeinsame Schulden, die aber politisch ausgeschlossen wurden. Dies ist eine technische Voraussetzung für einen Währungsraum, damit er funktioniert. Diese Maßnahme ist aber nur für das Funktionieren der gemeinsamen Währung geeignet. Das zweite Problem der hohen Verschuldung ist damit noch überhaupt nicht angegangen. Genau dieses Problem wurde von den Finanzmärkten durch die sich ausweitenden Spreads aufgezeigt.

Der politische Konsens in der Eurozone ist aber, Umschuldungen im finanztechnischen Sinne mit allen Mitteln zu verhindern. Grund sind die daran gekoppelten politischen Versprechen, die als Basis für Machtlegitimation dienen. Das ist der große Rahmen, der die politischen Handlungsmöglichkeiten definiert und einschränkt. Er hat mit ökonomischer Bewertung oder Entscheidungsfindung überhaupt nichts zu tun. Diese Diskrepanz der Bewertung von Tragfähigkeit von Schulden durch Akteuren an Finanzmärkten und der europäischen Politik liegt der fortlaufenden Eurokrise zu Grunde, ohne behoben worden zu sein.
Folglich sind die Ereignisse um Griechenland keine große Überraschung, sondern stellen nur den nächsten Abschnitt in dieser Krise dar. Ein entscheidender Wendepuntk ist aber, dass zum ersten Mal ein gewählter Finanzpolitiker vom Schuldenschnitt spricht. Das ist eine wirkliche qualitative Veränderung.

Ist/war die Schuld Griechenlands an der Situation entscheidungsrelevant?

Vor diesem Hintergrund gibt es auf die Frage nach der Schuld einer Partei als entscheidungsrelevanter Faktor folglich nur eine ganz einfache Antwort. Diese folgt aus einem Modell, das wir zur Informationsbewertung für Entscheidungen auch für unsere Kunden einsetzen. Die Frage ist heute in 2015, ehrlich gesagt völlig irrelevant, da die Zielsetzung der Verhandlungen und der Politik sich nicht mehr an wirtschaftlichen Fakten orientieren. Wenn man diese betrachte, gibt es natürlich an der desolaten wirtschaftlichen Situation und dem schlechten Zustand des Staatswesens nichts zu beschönigen und ist Verantwortung der Griechen. Dennoch ist das irrelevant. Warum ist das so?

Nun, man hat Griechenland in den Eurowährungsraum eintreten lassen, obwohl es Zweifel an der Eignung gab. Spätestens in dem Moment, in dem man die beschönigten Statistiken entdeckt hatte, wäre es an der Zeit gewesen, hier eine entsprechende Maßnahme einzuleiten. Dies ist allerdings unterblieben.

Seit 2008, dem Ausbruch der Krise, gab es dann eine Reihe von ökonomisch begründeten Entscheidungen, die aber dennoch politischer Natur waren. Die wichtigsten sind eine handwerklich schlecht gemachte Bankenrettung, die Rettung des Euros und die gleichzeitige Verweigerung von Eurobonds. Dazu gehört auch die Rettung Griechenlands 2010. Das Primat des Euros in der heutigen Form als Symbol der EU-Integration (die auch ohne Euro funktionieren würde) ist die offizielle politische Linie und so lange sich an dieser nichts ändert, ist man für die Definition des eigenen Erfolges auf Griechenland angewiesen.

Das ist der Paradigmenwechsel, von dem ich sprach: Es geht nicht mehr um ökonomische Fragen, die mit dem Mittel der Politik gelöst werden sollen, sondern um Politik.
Ein Beispiel, um dies zu verdeutlichen, ist das Europäische Fiskalpaket. Dort wurde unter anderem vereinbart, dass die Schuldengrenze bei 60% zum jeweiligen BIP liegen sollte. Um dies einzuordnen muss man nur überlegenen wie weit Griechenland mit 174% Verschuldung/BIP davon entfernt ist. Man könnte noch viele ökonomische Indikatoren aufzählen. Z.B. wurde das anziehende Wachstum in GR als Gegenargument genannt. Dies ist aber nur ein kleiner Puzzelstein im großen Bild.

Mit diesem Blick auf die Situation möchte ich in einem nächsten Schritt den Verlauf der Verhandlungen analysieren.

Game Theory im Kontext der Eurokrise – Griechenland als Player

Kontext Spieltheorie Eurokrise Griechenland Troika StaatsschuldenHaben sich also Tsirpas und Varoufakis überschätzt? Zeigt das schnelle Einlenken gegenüber der EU diesen Fakt, wie häufig berichtet wurde?

Greifen wir dazu die Spieltheorieanalysen in den Zeitungen der letzten Wochen auf. Zusammengefasst haben viele Kommentare in meinem Verständnis als Ziel eine Kooperationslösung in den Vordergrund gestellt. Folglich hat man Griechenland vorgeworfen, dass es übersehen würde, dass es sich um ein Spiel mit Wiederholung handelt. Aus diesem Grund sei Wohlverhalten gegenüber den Gläubigern notwendig, im Gegensatz zu dem geplanten innenpolitischen Programm.

Doch vor einer Bewertung dieser Anwendung von Spieltheorieanalyse ist noch eine grundsätzliche Frage zu diskutieren. Mein Ansatz bei einem solchen Analysetool ist nämlich ein anderer. Mich interessiert im ersten Schritt nicht die Frage der konkreten Anwendung. Viel spannender für die Interpretation der Situation ist der psychologische, kulturelle und zeithistorische Kontext der Spieltheorieanwendung. Konkret geht es um die psychologische Verankerung und Definition des optimalen Outcomes in diesem „Spiel". Dabei gehen alle Analytiker davon aus, dass es eine als Win-Win definiert Situation gibt. Übersetz heißt das, es gibt eine allgemein zufriedenstellende Lösung in der Eurokrise – kein Schuldenschnitt, keine Eurobonds und Beibehaltung des Euros; alle drei Punkte durch Reformanstrengungen. Dabei ist es sogar egal, ob die Gewinnersituation im oberen linken Quadrat liegt oder im unteren rechten, solange es sie gibt.

Was aber, wenn es diese Situation nicht gibt? Damit meine ich konkret, dass auch der Gewinner in diesem Spiel nur verlieren kann, da jedes Ergebnis ein politisch negatives Ergebnis (siehe oben) bei gleichzeitig hohen ökonomischen Kosten ist. Denn, warum ist es auch 2015 keine Politiker gelungen die Eurokrise wirklich zu lösen? Bei der Beendigung der Eurokrise gibt es nur eine Wahl zwischen zwei Übeln. Entschuldung und Auflösung oder Entschuldung und Beibehaltung der Eurozone. Im politischen Sinne kann es also eigentlich nur Verlierer geben. Das ist mit einer der Haupthinderungsgründe zu einer Lösung zu kommen, denn genau hier liegt das psychologische Problem eines solchen Ergebnisses.

Da diese Win-Win Situation aber nicht gegeben ist, fehlen den Politikern Muster für die Lösung und verschieben sich die Handlungsanreize aller Akteure.

War es denn wirklich ein Stand-off?

Damit zu den aktuellen Verhandlungen. Es wurde Varoufakis vorgeworfen, Spieltheorie falsch anzuwendende und es auf einen Stand-off ankommen zu lassen, währen die Verhandlungen mit der EU in der Spieltheorie ein Spiel mit Wiederholung sind. Allerdings haben sich die Zeitungskommentatoren zu sehr darauf konzentriert, dass Griechenland weiterhin von der Eurozone abhängig ist und deswegen die griechische Verhandlungsposition schlecht wäre. Ist das aber so? Und hat der griechische Finanzminister wirklich eine Konfrontation gesucht?

Varoufakis hat im Endeffekt ja nur drei Dinge formuliert:
1) Bei den Griechen ist aus den Rettungskrediten nichts angekommen, bei den (deutschen) Banken viel.
2) Es gibt eine demokratisch legitimierte Regierung, die eine Alternative formuliert.
3) Mehr Spielraum für die griechische Politik bei der Budgetverwendung bei Beibehaltung der Reformen. Dies beinhaltet eine Verhandlung über die Schulden.

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Das ist faktisch richtig, was seinen Argumenten durchaus Gewicht verleiht. Er hat dabei auch einen Politikentwurf geliefert, der nicht in dieser Verhandlungsrunde, aber in der Zukunft sehr wohl bei einigen EU-Ländern auf Gehör stoßen könnte. So z.B. in Frankreich, Italien, Spanien und den Nordländern, um nur einige zu nennen, die sich eventuell bald in einer ähnlichen Situation befinden.

Dann hat er es damit auch geschafft die politischen Kräfte der Eurozone für mehrere Wochen komplett zu blockieren. Er hat also in meinen Augen für die Wiederholung des Spiels den anderen Spielern stark signalisiert, dass er gewichtige Argumente hat und Kräfte binden kann, was im Moment ein Nachteil für die andere Seite ist. Denn was genau passiert in vier Monaten? Wieder das gleiche Spiel? Ich vermute, dass deswegen Schäuble so müde wirkte wie in der FAZ treffend beschrieben (letztes Drittel des Artikels).

In der Summe folgere ich also, dass die griechische Seite ihre Argumente in dieser Runde gut eingebracht hat, während die EU Härte ohne ein strategisches Ziel eingesetzt hat. Das wird besonders deutlich, wenn man sich anschaut, was eigentlich wirklich vereinbart wurde.

Was wurde wirklich vereinbart? Nichts wirtschaftlich Konkretes.

Mich wundert immer wieder, wie schnell begeistert von einer Lösung gesprochen wird, bzw. Journalisten darüber schreiben. Griechenland hat also am 24.02. die Reformliste vorgelegt (siehe hier), auf deren Grundlage am 27.02. die Verlängerung des Hilfspakets im Bundestag beschlossen wurde. Was auf den ersten Blick auffällt ist, dass die Liste mit Vorhaben kaum Zahlen enthält. Die wichtigste Zahl wäre dabei zum Beispiel eine Verankerung der 2015 und 2016 Budgetzahlen als Referenzzahlen und der Zwischenfinanzierung gewesen. Ich nennen noch weitere Stichwörter: T-Bills, die ELA durch die EZB. Fehlanzeige. Vielleicht steht es in einem anderen Dokument, aber über dieses wurde von den Journalisten diskutiert. Auf welcher Grundlage wird also in vier Monaten der Erfolg gemessen und wird dort verhandelt?

Für mich wirkt es wie ein schlechter, weil nicht greifbarer Deal. Dies formulierte auch der ehemalige IMF Ökonom Peter Doyle 1  Nun wissen wir allerdings, dass solche soften Ziele anscheinend gefordert waren. Nur, warum dann diese ganze Aufregung und drei Termine mit 18 Finanzministern, deren ganzen Staab und der (nicht nur dt.) Presse, die alle Parteien beschädigte? Das ist nur ein Beispiel für die strategische Ineffizienz. Viele Beobachter haben argumentiert, dass dies notwendig war, um nicht auch andere Euroländer „auf dumme Gedanken zu bringen". Doch das ist kein Argument, denn auch für deren Akteure ist es ein Spiel mit Wiederholung, die Ihre Schlüsse aus den Verhandlungen mit Griechenland ziehen werden (siehe individuelle Kosten/Nutzenbewertung der Euroteilnehmer hier).

Da ist es nur ein weiteres Kuriosum am Rande, wenn als Autor des griechischen Dokuments ein Ökonom und Bereichsleiter der DG ECFIN, Declan Costelloin, den Metadaten des griechischen PDFs auftaucht. Auch wenn es leicht erklärbar ist, demonstriert es die subjektive Bewertung von Geschehnissen in der jeweiligen politischen Rhetorik. Größeres Mistrauen ist die Folge.

Wäre ein Grexit wirklich für Griechenland machbar?

Um wirklich ein Druckmittel zu sein, muss der Grexit wirklich machbar sein. Ist er es also? Ja. Für einige technische Aspekte verweise ich auf diesen Artikel „Euroausstieg" (zweite Hälfte) und diese sehr empfehlenswerte Liste mit Möglichkeiten von Wolfgang Münchau. Hier beschränkt sich die Analyse auf die beiden entscheidenden Brennpunkte in der Bewertung des Grexit.

Der Erste ist die Einordnung der Grexit-Drohung in eine Zielmatrix. In meinen Augen ist das primäre Ziel des GREXIT nicht die Drachme, sondern die Umschuldung, bzw. der Schuldenschnitt.

Denn das ist die Absicht dabei. Schauen Sie sich das hier verlinkte Video2 genau an. Varoufakis sagt dort exakt, wie er die Situation analysiert was er denkt und plant (bitte beachten Sie die Fußnote zur Debatte in Deutschland). Seine Vorhaben zusammengefasst: Umschuldung! und eine nicht dogmatische Haltung zum Euroaustritt und Schuldenschnitt, sowie eine Lister der Voraussetzungen für einen Austritt aus dem Währungsraum. Der wichitigste Satz für diese Analyse ist "I do not have a dogmatic view of leaving (...) or not, for me it is a question of costs and benefits of human suffering" (4:26-4:31), was eine ökonomische Analyse der Kosten bedeutet. Der zweitwichtigste Satz ist "I think that from an internationalist, greek (...) and european perspective (...) the most effective, radical policy (...) is to default" (ab 4:55).

Nur in einem Nebensatz sei erwähnt, dass Varoufakis in der Tat in dem Video ökonomisch Recht hat, wenn er von einer „Konfrontation der EU mit der eigenen Absurdität - Kredit von EU-Institution A um EU-Institution B zurück zu zahlen" spricht. Auch das erklärt, warum er in Europa so unbeliebt ist. Wie schon oben geschrieben hat er gleichzeitig aber den qualitativen Ton verändert, da er zum ersten Mal öffentlich formulierte, dass ein Schuldenschnitt kommen muss.

Auch wenn ich seine ideologische Haltung nicht teile, ist es ein Fakt, dass Varoufakis im Gegensatz zu seinen Verhandlungspartnern Ökonom und weniger Politiker ist. Er hat damit eine intuitivere Analytik der Situation und mehr Realismus in Bezug auf die wirtschaftlichen Daten, die Lösungen basierend darauf und die Folgen eines Ausstiegs am Finanzmarkt, weswegen er auch das Beispiel Argentiniens nennt. Aufmerksame Leser, die das Video geschaut haben, werden nun einwenden, dass Varoufakis klar von „no Grexit, but default within the EMS" spricht. Richtig. Aber genau daraus ergibt sich der Grexit als reale Option, wenn man den Faktor Zeit einkalkuliert. Irgendwann sind die zusätzlichen Kosten des Ausstiegs - gegenüber dem Gewinn, auf diesem Weg eine Umschuldung zu erzielen - größer (siehe letzte Analyse). Auch kann man über Zeit die Voraussetzungen, die er anführt, schaffen. Es liegt also rationales Verhalten zu Grunde. Dies betont er auch in dem Video an dem Beispiel mit Zypern sowie mit dem Hinweis auf Plan B. Das ist die Krux/Archillesverse der schlecht konstruierten Eurozone und der gegenwärtigen EU-Rettungpolitik.

Damit zum zweiten Aspekt. Das grade ausgeführte Argument setzt immer noch eine ökonomisch begründete Zielsetzung voraus. Wer sagt aber, dass dies die Maßgabe des griechischen Ministerpräsidenten ist, der erkenne muss, dass es für die europäischen Verhandlungspartner auch keine Maßgabe ist? Man sollte sich nicht täuschen. Der GREXIT ist auch ohne wirtschaftliche Begründung attraktiv, wenn sich die Chance für einen griechischen Politiker bietet, griechische Geschichte zu schreiben. Das ist der vermutete Hintergrund, wenn erste Berichte von Differenzen zwischen Tsirpas, dem Politiker, der sich grade zum Realpolitiker wandelt, und Varoufakis, dem Ökonom, sprechen.

In einigen Hintergrundgesprächen wurde diese Möglichkeit kategorisch als unrealistisch abgelehnt. Denn ein solches Vorhaben wäre nur mit tiefen und weitreichenden Eingriffen in das griechische Zivilleben möglich: Kapitalkontrollen, keine Bewegungsfreiheit, Notstandsverordnungen und massive Verstaatlichung der Wirtschaft. Doch die Fernsehbilder eines solchen Staates liegen noch nicht so weit in der Vergangenheit. Und wir sind in der Sphäre der Real/Machtpolitik angekommen. Denken sie an die Fragen nach wirklichen Win-Win Situation unter dem Abschnitt Spieltheorie.

Der Grexit ist also sehr wohl eine Option, wenn das Ziel der Schuldenschnitt ist. Denn während man über diesen sowieso langwierig verhandeln muss, ist dann die eigene Währung zumindest eine Hilfe, wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Auch ist zu bedenken, dass eine reine Abwertung ohne Schuldenschnitt nicht wirklich effiktiv ist wenn die Schulden so hoch sind. Siehe dazu auch die Analyse zu Island zu der im Falle von Griechenland gerne Parallelen gezogen werden.
Damit wird auch klar, warum die Argumente von Varoufakis so bedrohlich für die offizielle Linie der EU-Politik sind. Während der Grexit wirklich mehr aus Verzweiflung kommen könnte, gibt es andere Euroländer, die sehr wohl einen großen Exportsektor haben. Auch in diesen Ländern gibt es Wahlen und der Zwang zu Erfolgen in einer Legislaturperiode.

Harte Verhandlungen ohne Ziel = eine schlechte Strategie

Angesichts dieser Situation wird dem Leser hoffentlich deutlich, warum ich sowohl die deutsche bzw. europäische Härte, als auch die Berichterstattung in der deutschen Presse als absolut unangebracht und schlecht beraten betrachte. Zum einen zeigt es die politische Seite der schlecht konstruierten Eurozone, in der die innenpolitische Wirkung immer noch stärker handlungsrelevant ist, als die gesamteuropäische Situation. Zum zweiten ist Härte ohne ein strategisches Ziel und um darüber hinweg zu täuschen, dass es dies nicht gibt, politische Naivität der sträflichen Sorte. Denn ein reines Roll-over der Schulden löst keine Probleme, weder für die Eurozone noch für Griechenland.

Dabei gibt es gute Gründe Griechenland in der Eurozone zu halten und „soft" umzuschulden. Einer ist, dass man so zumindest nominell die Kontrolle über die Umschuldung behält. Auch wenn es ein Spiel mit Labeln ist, aber man könnte über Umklassifizierung in Entwicklungshilfe nachdenken. Auch könnte man so wenigstens ein Teil der Reformanstrengungen der Griechen ernten. Doch würde ich diese Gründe im Moment als sekundär betrachten. Denn augenscheinlich fehlt es in der Berücksichtigung der veränderten geopolitischen Situation.

2015 – die geopolitische Lage und die Situation hat sich verändert

Wir sind inzwischen in 2015. D.h. es gab sehr viel Zeit, die Eurokrise zu lösen. Doch die Welt dreht sich weiter. Die Eurokrise ist aber auf einer Skala der Problematiken heute sicher nicht mehr die größte akute Bedrohung, der sich die Europäische Union als Ganzes ausgesetzt sieht.

Auch wenn es in Deutschland keiner wirklich sagen möchte: Fakt ist, dass es einen heißen Krieg an der Außengrenze der Europäischen Union gibt. Konkret meine ich damit die Situation mit Russland und der Ukraine. Zudem Präsident Putin in den letzten Monate keinen Versuch unterlassen hat, wie die Berichterstattung über die diversen Flugkontakte, Schiffskontakte und Manöver beweisen, aus seiner Ernsthaftigkeit keinen Hehl zu machen. Wir erleben also auch außenpolitisch eine signifikante Zeitenwende - eine weitere Spielart des Themas „säkularer Wandel", das wir seit einiger Zeit als Metathema für unsere Kunden thematisieren und analysieren

Diese Situation benötigt wiederum Allokation von politischen Kräften und Mitteln. In dieser Situation steigen die Handlungsoptionen Griechenlands sogar weiter an. In der Berichterstattung wurde es nur am Rande erwähnt, aber die Verhandlungstaktik und Handlungsoption alternative Kredite von Russland3 oder zum Beispiel China zu erhalten ist durchaus vorhanden. Stellen wir uns das praktisch vor. Ideologisch gibt es Berührungspunkte, wie man in einem Interview mit dem Guardian lesen konnte. Das muss nicht sofort eine Option sein. Sie wird aber über Zeit wiederum attraktiver.

Was wäre, wenn die Europäische Union als Kreditgeber durch z.B. China4 abgelöst würde? Dabei würde eine Übernahme der Neuverschuldung, also nicht aller Altkredite, vermutlich reichen. Das wäre ein sehr günstiger Einstieg. Ein Austritt aus dem Euroraum oder der EU findet dann natürlich nicht statt. Konkret gäbe es dann mitten in Europa einen indirekten Zugang einer Großmacht, die in direkter Konkurrenz wirtschaftliche und machpolitischer Art mit Europa steht. Diese Macht finanziert Griechenland, könnte sogar in Griechenland - inzwischen einigermaßen billig – produzieren und hat zudem auch noch direkten Zugriff auf griechische Häfen und Handelsschiffrouten. Dies mit allen Vorteilen der Umgehung von Einfuhrquoten.

De Fakto wären damit die Zielsetzungen des Euroraums, deren Vorteil ja in einer Behauptung als Ganzheit liegen soll, auch ohne Grexit gescheitert.

Es war sicher nicht von der EU-Politik geplant. Aber ein Entgegenwirken gegen dieses Szenario würde politisch und vermutlich auch ökonomisch ein Investment in Form von Abschreibungen rechtfertigen. Natürlich protestiert die Stimme des Ökonom, aber den Kosten stände wenigstens ein Ergebnis gegenüber, das die „Lösung" politisch „verkaufbar" und erträglich macht.

Doch von solchen Handlungsüberlegungen ist in Moment wenig zu erkennen. Folglich kann die Einschätzung der europäischen Verhandlungsführung unter deutscher Führung nur negativ ausfallen. Wir sind damit in die nächste Periode im Ablauf der Eurokrise eingetreten. Diese wird gekennzeichnet sein durch den Versuch des Erhalts der politischen Macht ohne dabei Rücksicht auf ökonomische Faktoren zu legen. Auch ist das Wort Schuldenschnitt nun offiziell und öffentlich gefallen. Damit hat sich der Fokus und die "Qualität" der politischen Diskussion wiederum verschoben. Das verändert die Rahmenbedingungen für Unternehmen nachhaltig.

Auswirkungen auf Unternehmen und Innovation

Zum Abschluss möchte ich noch einige Folgen für Unternehmen nennen. Unsere Kunden wissen, dass eines der zentralen Motive der letzten Jahre der Begriff „säkularer Wandel" ist. Angesichts der oben aufgeführten Situationsanalyse wird erneut deutlich, dass der zusätzliche Druck auf das Geschäft und Marktgeschehen von der politischen Seite anhalten wird.

Zudem sind Führungsmechanismen und Strategien, die in den letzten 30 Jahren gut funktioniert haben, für diese Zeiten unzureichend, da immer mehr Variablen sich ändern. Dies ist auch die Erfahrung, die uns dazu geführt hat, unsere Arbeit im Bereich Trend und Auswirkung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Auch möchte ich einen weiteren, weichen Punkt aufführen, der so fast nie genannt wird. Das Versagen der Politik untergräbt das Vertrauen in unsere marktwirtschaftliche Grundordnung. Ein Vertrauen, dass Grundlage für unternehmerische Aktivität, Unternehmen und unseren Reichtum ist.

Denn die Folge der EU-Politik und EZB-Aktivitäten ist eine Umverteilung hin zu Personen mit Produktivkapital.

Aber auch der Bereich Innovation ist betroffen. So fehlen durch die unbereinigten öffentlichen und privaten Bilanzen, z.B. Käufer für effizientere und bessere Produkte grade in Großprojektbereich.

"Danksagung - 10.03.2015
Vielen Dank an das Team vom Griechenlandblog für eine Verlinkung zu dem Artikel. Der Blog kuratiert Artikel zu Griechenland und bietet eine gut gefilterte Auswahl."

Links, Fußnoten und Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ischer_Fiskalpakt
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/muenchau-zu-griechenland-schuldenschnitt-parallelwaehrung-euro-austritt-a-1021259.html
Tweet von Doyle:
Tweet von FM Varoufakis: https://twitter.com/yanisvaroufakis/status/571586902379368448

1 Der Tweet verweist nur auf die Nennung in der NYT. Auf der Homepage des Ökonoms ist ein 2-Seiten PDF verfügbar, das mir vorliegt.
2 In Iceventures Bewertung ist die Debatte um den „Stinkefinger" absolut irrelevant. Die sehr gute Situationsanalyse der globalen ökonomischen Zusammenhänge damals durch Herr Varoufakis sind dabei leider nicht aufgegriffen worden. Das war für mich der Grund das Video auszuwählen. Wenn bereits 2010 bzw. 2013 die Situation so war, ist es heute vermutlich eher schlimmer(?)! Wichtig ist es aus der Passage die Annahmen und Argumentation zu extrahieren und sie auf die Situation in 2015 anzuwenden. Wer hat wirklich die größeren Kosten des Ausstiegs, er spricht klar von Plan B und einem Schuldenschnitt.
3 Auch in Europa scheint diese Gefahr inzwischen angekommen zu sein. Siehe diesen Artikel http://www.bbc.com/news/world-europe-31837660
4 China verneint offizielle ein Hilfsangebot (http://www.reuters.com/article/2015/02/11/us-eurozone-greece-china-idUSKBN0LF0J920150211). Es würde aber zur Strategie der Vergangenheit passen, den Einfluss des Renminbi mit Kreditangeboten oder Abkommen auszuweiten.

A. Eggerz is entrepreneur and managing director of Iceventure.

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