Dott. Arnbjörn Eggerz
geschrieben von 
11. September 2013
Freigegeben in News

Der Euro – wirklich kein “point of no return”?

Wenn es in Kundengesprächen um Unternehmensentwicklung innerhalb Europas geht, ist die Eurokrise immer ein Thema. Im Rahmen dessen wurde ich auf den Kommentar von Prof. Thomas Straubhaar in der Welt aufmerksam gemacht, mit der Bitte um eine Analyse.

EurokriseIn dem Artikel, den ich hier verlinke, argumentiert der Autor, dass der „point of no return“ für einen Euroaustritt bereits erreicht sei. Folglich könne man zwar über alle Themen reden, für die Realität seien diese Debatten aber uninteressant, da die Geschichte unumkehrbar sei. Zusammenfassend schreibt Straubhaar: „Den Euro wird Deutschland nicht mehr loswerden. Es gibt nur Lösungen mit, aber nicht mehr welche ohne Euro.“

Da die Annahme nahe liegt, dass die Veröffentlichung direkt mit der bevorstehenden Wahl und dem Auftreten der AfD zusammenhängt, ist es umso wichtiger die vorgetragenen Argumente zu prüfen.

In meiner Analyse erfasst Straubhaar mit seinen Aussagen in diesem Artikel die reale Problematik der Eurokrise nicht. Man kann deutlich die intellektuelle Brille des Professors erkennen, die an wichtigen Punkten die bestimmenden Handlungsmuster der Akteure nicht aufgreift.

In der Kritik an der Darlegung der Thesen des Artikels stützte ich mich auf drei Argumente: der Funktion einer Währung, den systemischen Arrangements einer Währung und die einzigen sinnvollen Handlungsoptionen in der Interessengemeinschaft Euroländer.

Funktionen einer Währung

Eine Währung ist in erster Linie eine Recheneinheit. Ob Euro, D-Mark, Dollar oder Muscheln - entscheidend ist, was der Besitzer mit einer Einheit des allgemein akzeptierten Zahlungsmittels erwerben kann. Insofern ist jederzeit ein Wechsel zu einer anderen Währung möglich. Dieser bringt zwar Umstellungskosten z.B. in Form von Druckkosten mit sich, die aber nicht der ausschlaggebender Hinderungsrund für einen Währungswechsel sind. In einer Zeit mit einem großen Anteil an digitalen Konten ist eine Umstellung vermutlich einfacher und kostengünstiger als je zu vor.

Im Gegensatz dazu ist die Stabilität und der „Erfolg“ einer Währung im Sinne von Marktteilnehmern, die bereit sind diese im Portfolio über den unmittelbaren Bedarf zu halten, über Zeit an den dahinter stehenden Institutionen und Belastbarkeit vertraglicher Vereinbarungen abhängig.

Der Kern der Eurokrise

Das eigentliche Problem ist, dass die Eurokrise in erster Linie eine Staatsschuldenkrise gekoppelt mit einer Bankenkrise ist, da diese in Europa eine große Menge an Staatstiteln halten. Ohne Eurobonds besteht die Eurokrise darin, dass der Markt dieser Tatsache Rechnung trägt und die Risikozuschläge der einzelnen Länder anpasst. Dies wiederum bedroht die Zahlungsfähigkeit dieser Länder. Die Folge eines Austritts ist also nicht, dass der Euro nicht mehr Euro ist, sondern, dass die Abschreibungen auf Bankbilanzen und Staatsanleihen eine Kettenreaktion auslösen könnten. Genau dies sind auch die Befürchtungen der Unternehmen, in der Diskussion über eine mögliche Expansion in Europa mit mir. Vom Euro und „seine Krise“ zu sprechen, ist also eine verknappte Darstellung der Probleme eines institutionellen und wirtschaftlichen Arrangements.

Die langfristige Stabilität dieses Systems, d.h. eine Veränderung des jetzigen Zustands, in dem Finanzmarkteilnehmer eine realistische Risikobewertung mit allen Implikationen vornehmen, kann also per Definition nur auf gemeinsamen Anleihen basieren und wäre die Voraussetzung für einen wirklichen „point of no return“, da man sich damit gesamtschuldnerisch aneinander gekoppelt hätte.

Die Handlungsoptionen

Die einzigen zwei verbleibenden Handlungsoptionen sind also Eurobonds oder die Auflösung der Eurozone in ihrer heutigen Form mit der wenig sinnhaften Kopplung des politischen Europas mit den wirtschaftlichen Realitäten der einzelnen Länder. Straubhaar ist hier der Meinung, dass „die Alternativensuche „auf eine Entschädigung zum Austritt hinauslaufen sollte“, als ob dies eine rein deutsche Entscheidung wäre. Die Entscheidung zum Ausstieg trifft nicht Deutschland oder die EU sondern das jeweilige Euroland selbst, wenn die politische Klasse davon überzeugt ist, mit einem einmaligen Schock, inklusive möglicher Vertragsbrüche, langfristig bessere Perspektiven zu haben, als den langsamen und quälenden Prozess der realen Anpassungen in einem festen Wechselkurssystem zu durchlaufen. Exakt dieser Angriffspunkt, den ebenfalls die Märkte identifiziert haben, wurde ausgerechnet von Berlusconi im letzten Jahr gegenüber Merkel thematisiert, die daraufhin die Rhetorik in der Eurokrise änderte.

Genau dieses Argument lässt die Vergleichsbilder in dem Artikel so unpassend erscheinen. Der realpolitische „point of no return“ ist in Wirklichkeit ein multilaterales Gleichgewicht mit unterschiedlichen Bezugspunkten. Es gibt keine Situation „am Berg“ in der alle Expeditionsteilnehmer in einem Informationskontext „gegen die Natur“ entscheiden, sondern einen soziologischen Kontext. Um es mit Strauhaars eigenen Worten anders zu sagen. Der Satz „ … die Kosten [für einen Ausstieg] sind beträchtlich und vor allem deutlich höher als die Akzeptanz des Faktischen“, müsste heißen: Die Kosten von Option A gegenüber der Akzeptanz des Faktischen werden in einem dynamischen Umfeld ständig neu und vom eignen Standpunkt aus individuell bewertet und dem potentiellen Gewinn der Austrittsoption entgegengestellt.

Bezahlen für den Euroaustritt?

Eine komplette Fehleinschätzung ist dann der Vorschlag, dass Deutschland den südeuropäischen Ländern etwas bieten sollte, um sie zum Euroaustritt zu bewegen. Warum? Liegen nicht in den meisten Fällen Verstöße gegen die eignen Verträge vor? Angesichts dessen ist es kaufmännisch geradezu abwegig über Entschädigungen zu reden, denn Deutschland trägt im momentanen institutionellen Arrangement eine große potentielle Anpassungslast.

Ein europäischer Marshallfund?

Ein politisch sinnvolles Angebot und eine wichtige Diskussion gerade in Deutschland wäre die Überlegung, wie ein gemeinsamer europäischer Marshallfund, also EIGENkapital für Investitionen, und gegenseitiger Schuldenerlass für einzelne europäische Länder aussehen könnte. Parallel ist dazu eine Rekapitalisierung des europäischen Bankensystems, mit vollen Verlusten für die jetzigen Investoren zu diskutieren.

Prof. Straubhaar schreibt, dass es nur Lösungen „mit, aber nicht mehr welche ohne Euro“ gebe. Ich bin hier anderer Meinung. Der Euro symbolisiert ein institutionelles Arrangement und ein Währungssystem, das im jetzigen Zustand nicht funktioniert. Eine Reform im Sinne von Eurobonds resultiert in einem ganz neuen Euro, andere Lösungen ebenso. Es gibt also Lösungen mit oder ohne Euro, da es nur der Name eines Konzepts in seiner historischen Referenz ist.

Meine gewagte Vermutung für die Zukunft ist die folgende: Politiker scheuen negative Assoziationen wie das gebrannte Kind das Feuer. Ich tippe daher bald auf einen neuen Namen. D-Mark ist zu deutschlastig für Europa, aber EU-Mark könnte vom Marketing klappen. Damit wäre der Euro trotz aller „Unumkehrbarkeit der Geschichte“ verschwunden. Die unumgänglichen Anpassungen in der Eurozone vor einem wirtschaftlichen Aufschwung bleiben.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass die Krise noch lange nicht vorbei ist. Unternehmen sollten sich folglich im Rahmen ihrer Möglichkeiten intensiv mit Diversifizierung Ihrer Finanzierungsquellen und natürlichen Hedges von Zahlungsströmen auseinander setzen.

A. Eggerz is entrepreneur and managing director of Iceventure.

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