Enterprise Blockchain in der Praxis - Interview mit André Mundo, Verantwortlicher DLT Technologien, MaibornWolff GmbH

Das Thema Blockchain findet im Moment große Aufmerksamkeit. Mit ein Grund die Enterprise Blockchain Studie 2018/2019 durchzuführen und die vielen offenen Fragen zu identifizieren. 

Die Fragen, grade von Firmen, zu den Möglichkeiten der Technologie sind vielfältig. So auch die folgenden Beispiele:
Gibt es bereits erfolgreiche Beispiele für den Einsatz von Blockchaintechnologie im Firmenbereich?
Welche Frameworks versprechen Erfolg?
Wie kann man die vielen theoretischen Use Cases einschätzen?

Grund genug einen der führenden IT-Entwickler in Deutschland zu dem Blockchain-Thema einige dieser häufigen Fragen zu stellen, um Firmen wie Interessenten eine Orientierung zu bieten.

André Mundo, Bereichsleiter Blockchain, von MaibornWolff, einem IT Beratungs- und Software-Engineering Unternehmen, war nach einem Gespräch dankenswerterweise sofort bereit, eine Reihe von diesen Fragen, basierend auf seinem großen Erfahrungsschatz zum Thema, zu beantworten. Viel Freude beim Lesen.

1) Welche Beispiele von erfolgreichen Blockchain-PoCs, die in Produktion gegangen sind, kennen Sie? Welche Projekte stehen kurz davor?

Da fallen mir einige ein:

  •  Die interne Leistungsverrechnung zwischen verschiedenen Konzerneinheiten bei einem Konzern aus dem Transportwesen.
  •  B3i ist m.E. auch sehr aktiv den B2B Datenaustausch zwischen einzelnen Versicherern auf die Blockchain zu heben.
  •  ETH@Energie hat mittlerweile den zweiten Piloten zum Thema Marktkommunikation im Testbetrieb (da reguliertes Umfeld).
  •  Zum Thema Elektromobilität fällt mir ein Autobauer ein, welcher die Abrechnung des Ladevorganges mittels Blockchain vollautomatisiert hat.
  •  Ein P2x-Anbieter pilotiert gerade eine Blockchain-basierte Plattform seine Geschäftsidee.
  •  Ein Konsortium hat eine SmartFactory gebaut, bei der das Leistungsmanagement mit DLT implementiert wurde. 

2) Sie haben eine Reihe von neuen Frameworks erwähnt. Wir haben uns in erster Linie auf die Auswertung der Daten von Konsensmechanismen konzentriert, da neue Frameworks jeden Tag entstehen oder verschwinden und der Mechanismus die Kosten beeinflusst. Deswegen folgende Fragen:
Welche Frameworks würden Sie zu den vielversprechendsten zählen? Und welchen Konsensmechanismen gehört die Zukunft?

Frameworks setzen wir ein, um professionelle Blockchain-Anwendungen im Enterprise-Umfeld zu entwickeln. Da stechen im Moment vor allem Truffle und Embark hervor. Wir haben diese beiden mit anderen kleinen Scripten in unserer frei verfügbaren Ethereum Entwicklungsumgebung EDEN zusammengeführt. Sie helfen uns, in PoCs und Piloten schnell zur eigentlichen Arbeit am Use-Case und in der Entwicklung zu kommen; und sie erleichtern uns, die Tool-Basis für Continuous Integration zu etablieren. Wir wollen uns nicht um klassische DevOps-Themen kümmern müssen. Wir wollen in den Projekten mit unseren Kunden über DLT-relevante Fragestellungen sprechen. IT-Infrastruktur muss schnell aufgesetzt und funktionsbereit sein.

Für die Konsensverfahren gibt es m.E. noch nicht keine Antworten, die unabhängig vom Case auf der Hand liegen. Hier kommt es stark auf den Anwendungs- und Geschäftsfall an, also: Bewege ich mich in einem öffentlichen, privaten oder konsortialen Blockchain-Umfeld? Aber klar, ein PoA in einer Konsortial-Chain macht vieles schneller und einfacher. 

3) Würden Sie aus Ihrer Praxis bestimmte Frameworks nur rein bestimmten Anwendungen oder Industrien als Technologie zur Umsetzung zuordnen?

Frameworks, siehe vorherige Antwort, kommen bei uns Technologiegetrieben zum Einsatz. Beispielsweise nutzen wir das Framework Truffle um Test-Automatisierung für die Continuous Integration zu erreichen. Das sich Industrien auf einzelne Frameworks festlegen sehe ich im Moment noch nicht (wenn es diese jemals geben sollte), aber es kristallisieren sich Blockchain-Technologien heraus, welche sich scheinbar auf spezifische Anwendungsfelder spezialisieren. Auffällig oft wird Hyperledger im Umfeld von Lieferketten eingesetzt, evan.network positioniert sich gerade für digitale Zwillinge und zugehörige digitale Identitäten, Bitcoin-Blockchain für digitale Assets und Ethereum rund um Ökosysteme und Plattformen. Aber damit ist der Reigen ja noch lange nicht geschlossen, wenn man nur mal IOTA, IPFS oder Hashgraph beispielhaft als spannende Technologien nennt. Und ja, mir ist bewusst, dass ich da teilweise auch Äpfel mit Birnen in einen Korb gemeinsam lege. Aber dafür ist die Entwicklung der Technologie auch noch nicht abgeschlossen. 

4) Ihre Beispiele waren in meiner Erinnerung vornehmlich Lösungen innerhalb einer großen Firma wie z.B. das Beispiel von DB mit dem Gleis. Viele Gesprächsteilnehmer sehen den primären Vorteil als Inter-Firmen-Lösung, deswegen formen sich auch die Konsortien. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema. Ist dies in Ihren Augen auch von der Industrie abhängig?

Ja, da spielt die Technologie Blockchain natürlich ihre komplette Stärke aus. Viele fangen im „privaten“, d.h. geschlossenen Kreis an und denken dann konsortial. Aus diesem Kreis werden viele in zwei bis drei Jahren über „public“ nachdenken. Deswegen bauen wir Enterprise-Lösungen meist mit dem Technologieanspruch „public“. Ich möchte keinem meiner Kunden zumuten, die komplette Lösung überarbeiten zu müssen, nur weil die Geschäftsidee voll durchstartet.

Aber auch mein Gleisbeispiel (vorab Reservierung eines Gleisabschnittes durch das zu nutzende Fahrzeug) ist Inter-Company. Denn die verschiedenen Regio-Gesellschaften oder der Bereich Transport im Bahnverkehr gehören jeweils einer anderen Firma als das Netz, die Gleise und die anderen Infrastrukturkomponenten wie Bahnhöfe etc. Das muss man wissen. Eine DB Netz AG muss allen Transportunternehmen gleichermaßen die Infrastruktur bereitstellen und diese müssen gleichermaßen für deren Nutzung bezahlen.

5) Können Sie Aussagen zu den Gesamtkosten im Vergleich zu anderen Lösungen z.B. SaaS machen?

Nein, und ich behaupte: Das kann im Moment keiner guten Gewissens. Dank der offenen Skalierungsdebatte (und bekannten technischen Lösungsansätzen, die sich bewähren müssen) wird sich der Pay-per-Use Kostenanteil (Kosten entstehen ja letztlich nur für schreibende Transaktionen) noch deutlich verringern. Und in einer Blockchain wäre das die zugrunde liegende Logik. Nutze ich eine private Blockchain, könnte ich diese mit kostenfreien Transaktionen betreiben, muss aber dann auch die Infrastruktur On-premise oder On-demand bereitstellen und finanzieren. Bei einer Public-Blockchain hab ich die Transaktionskosten, welche das Netzwerk vorgibt. Im Konsortial-Umfeld habe ich beide Möglichkeiten (abhängig von Betriebsmodell und Implementierung).

Im SaaS-Umfeld gibt es meiner Einschätzung nach noch deutlich mehr Varianten. Und irgendwie fühlt sich der Vergleich zwischen SaaS Modell und einer Infrastruktur-Technologie wie Blockchain nicht richtig an. Ich lizenziere eine Anwendung im SaaS-Modell. Blockchain ist keine Anwendung. Es ist Infrastruktur. Eher würde ich es noch mit einem Cloud-Angebot vergleich, also PaaS oder IaaS.

6) Ich habe aus Ihren Ausführungen verstanden, dass Sie Use Cases anders bewerten, also die üblichen Schemata wie „Daten werden geteilt“ und „gibt es einen Intermediär, der ersetzt werden kann“. Wenn ja, könnten Sie hier ein paar Stichpunkte nennen?

Ja, es sind klassische Digitalisierungsmotivationen, wenn so will: Entweder hilft Blockchain, Dinge zu tun, die vorher nicht möglich waren; oder Blockchain hilft, Dinge effizienter zu tun und damit Kosten einzusparen. Wenn wir derartige Themen diskutieren, fragen wir uns dann sehr schnell, welchen Mehrwert die Blockchain-Technologie leisten kann, das heißt, welche out-of-the-box-Funktionen brauche ich und helfen dem Anwendungsfall. Sehr häufig sind es Automatisierungsthemen, welche dann in einem „Distributed-Trust“-Umfeld stattfinden. Das sind organisationsübergreifende Anwendungen, welche sich auf einmal blind aufeinander verlassen, und damit einander vertrauen müssen. Daher kommt mein Lieblingsspruch „Blockchain ist das Protokoll, welches Vertrauen schafft.“

Ja, und ein paar Anwendungsfälle könnte man auch mit herkömmlicher Technologie umsetzen. Aber da gibt es zwei weitere, nicht zu unterschätzende Faktoren. Ausprobieren, Lernen und Begreifen ist der eine. Oft ist es reine Neugier, wie man etwas mit DLT umsetzen kann. Und es hilft dabei, die IT-KollegInnen des Kunden in DLT auszubilden. Der andere Grund ist der War-of-Talents. Hier ist das Bezahlen der Stromrechnung der Stadtwerke Hannover für mich das beste Beispiel. Technisch keine Herausforderung, ob der Anwendungsfall so geschäftsfördernd ist – lasse ich offen. Aber es zeigt, dass sich die Stadtwerke Hannover mit derart innovativen Themen aktiv beschäftigen. Das macht sie als Arbeitgeber für junge, gut ausgebildete IT-Fachkräfte hoch interessant! 

Über MaibornWolff:

MaibornWolff inspiriert seit 30 Jahren Kunden aller Branchen bei IT-Beratung, Software-Engineering und Testmanagement. Dazu gehören namhaften Unternehmen wie BMW, CreditPlus, Daimler, Deutsche Bahn, Miele, ProSiebenSat.1, SMA Solar und Sonax.

500 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in München, Augsburg, Berlin, Frankfurt Hamburg und Tunis sorgen in allen Phasen von anspruchsvollen IT-Projekten dafür, dass der Mensch im Fokus bleibt: von der Beratung zur IT-Strategie, IT-Architektur und in den frühen Projektphasen, über Software, Web und Mobile Engineering bis zum Testmanagement. Wir inspirieren Kunden in Querschnittsthemen wie der Agilisierung der IT, DevOps und IT-Sanierung. In Data-Science und IoT-Projekten und bei Blockchain-, XR- und Salesforce-Vorhaben erforschen wir gemeinsam mit Kunden technologisches Neuland. Die Ergebnisse entstehen eng verzahnt mit den Geschäftsstrategien der Kunden – beratend, operativ unterstützend oder gesamtverantwortlich.

Über André Mundo:

Andre Mundo Distributed Ledger Technologies MaibornWolffAndré Mundo leitet den Bereich Distributed Ledger Technologies bei MaibornWolff. Er begleitet seit über 19 Jahren verschiedene Projekte als IT-Berater. Seine Erfahrung sammelte er als technischer Leiter diverser IT-Großprojekte und Digitalisierungsprojekte in verschiedenen Branchen (ITK, Touristik, Transportation, Einzelhandel und Energie).

Neben der Erarbeitung von IT-Strategien und zugehörigen Organisationen gehört auch die Übernahme von Interimsmanagementaufgaben zur Beschleunigung erarbeiteter Transformationen zu seinen Aufgaben.

A. Eggerz is entrepreneur and managing director of Iceventure.

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