Technologietrends und das Gartner Hype Cycle Modell - kritische Betrachtung am Beispiel KI basierter Virtueller Business Assistenten

Jährlich präsentiert das Research und Beratungsunternehmen Gartner seinen Hype Cycle für Technologietrends, der in der Wirtschaft eine hohe Beachtung erfährt. Unternehmen, Unternehmensberatungen und Forscher orientieren sich an diesen Zyklen, um die Technologiereife einzuschätzen und zukünftige Investitions- bzw. Forschungsentscheidung zu treffen.


Hype Cycle Gartner Alternativen
Doch das Gartner Hype Cycle Modell ist in unserer Sicht nicht ohne Fragezeichen.  

Dazu wurde in diesem Blog bereits ein Beispiel ausgeführt. In einem vorigen Artikel in Iceventures Blog wurden anhand der Technologien „Augmented Reality“ (AR) und „Virtual Reality“ (VR) einige Fragezeichen rund um die Anwendung des Hype Cycle-Modells erläutert. Fragezeichen, die die Allgemeingültigkeit, Verlässlichkeit und Präzision seiner Aussagen zur Diskussion stellt. Im beschriebenen Beispiel war VR im Jahr 2017 laut dem Gartner Cylce noch 2-5 Jahre von der Marktreife entfernt, im Jahr darauf aber gänzlich aus dem Modell entfernt; dies, ohne dass sich auf dem Markt große Veränderungen vollzogen hätten. Auch gab es dazu Stand unseres Wissens bis heute keine weitere Erklärung, außer, dass der Punkt der Marktreife erreicht wurde.

 

Weitere methodische Fragen bei Technologiebewertung und Reifegradmodellen

Strukturell gibt es neben dieser Intransparenz auch andere Fragen bezüglich des Modells. Einige Fragestellungen aus unseren eigenen Arbeiten soll hier kurz sowohl theoretisch als auch praktisch diskutiert werden.



Dies ist die Frage nach der Marktreife und der Anordnung mehrere Technologien im Hype Cycle, die zudem auch noch unter sich abhängig sind.


Dazu ist der Begriff "maturity" unscharf. Da jeder bestehende Markt und Marktsektor sehr unterschiedlich sein können, ist der Begriff der Marktreife sehr unklar definiert. Je nach Fall kann damit das Erreichen von Rentabilität ebenso gemeint sein wie Marktsättigung, oder eine kritische Masse an Endnutzern.

Der zeitliche Verlauf, der im Hype Cycle auf der X-Achse abgebildet wird, besitzt keine durchgängige Zeiteinheit. Dies ist besonders daran sichtbar, dass verschiedene Technologien in manchen Fällen wenige Jahre, in anderen mehrere Jahrzehnte benötigen, um den Hype Cycle zu durchlaufen. Das bedeutet aber nicht, dass der Zyklus je nach Technologie einfach entlang der X-Achse gedehnt wird. Vielmehr kann, wie zum Beispiel bei  Spracherkennungstechnologie, die jeweilige Länge der einzelnen Phasen stark variieren, oder die Technologie auf dem Graphen vor- und zurückspringen (wie es bei Mesh Networks im Zeitraum 2003-2013 der Fall war). Wenn die Zeitachse aber dermaßen unklar definiert wird und der zeitliche Verlauf sehr flexibel ausgelegt wird, um die Technologien in das Modell einzupassen, verliert das Modell an Aussagekraft und Prädiktivität.


Ebenso ist die Y-Achse des Modells weder klar definiert noch messbar. Die Idee von Enthusiasmus oder Überbewertung ist relativ zu betrachten und kann daher je nach Technologie und betroffenen Sektoren flacher oder steiler ausfallen.
Auch der zeitliche Verlauf ist nicht einheitlich und nicht im Voraus anhand des Modells abzuleiten.
Gartner ist sich dieser Kritik bewusst und argumentiert, dass die Einteilung in Phasen die Vergleichbarkeit zwischen Technologien mit unterschiedlichen Zeitläufen ermöglicht. Grade der zeitliche Verlauf ist aber für Investitionsentscheidungen wichtig.

Es stellt sich bei dem Hype Cycle also, hart ausgedrückt, die Frage, inwiefern es ein Modell mit prädiktiver Kraft ist, oder ob es nicht eher ein heuristisches Framework ist, in das im Nachhinein Marktbeobachtungen eingepasst werden.

Gartner: Die technologie Virtual Assistants wird erst in 2-5 Jahren marktreif sein?!

Diese Punkte aus unserem theoretischen Framework soll mit einem weiteren, praktischen Beispiel erläutert werden.

Diesmal mit einem umgekehrten Fall im Verglich zu oben genanntem Beispiel. So gibt es Technologien, die von Gartner als wesentlich weniger marktunreif angesehen werden, obwohl es bereits reelle Businessanwendungen dafür gibt. Dies ist zum Beispiel der Fall bei Virtual Assistants. In der Gartner Hype Cycle Prognose für Künstliche Intelligenz im Jahr 2019 ist die Technologie in der dritten Phase (Trough of Disilussionment) des Hype Cycles positioniert, mit einer Dauer von 2-5 Jahren zur vollkommenen Marktreife. In dieser Phase ist die Technologie noch sehr unreif, die Erwartungen wurden nicht erfüllt und deshalb ging der Hype erst einmal zurück. In dieser Phase sind die Technologien in der 2. Generation und haben durchschnittlich weniger als 5% der am Markt teilnehmenden Unternehmen die Technologie adoptiert.


Diese Positionierung und Prognose können wir mit Gartner auf Grund der oben aufgeführten Punkte nicht teilen und sehen die Technologie als wesentlich marktreifer an. Die Ergebnisse basieren auf einer Marktrecherche und daraus publizierte Ergebnisse im Bereich KI basierter virtueller Business-Assistenten.

Die Ergebnisse unserer KI basierten "Virtual Assistant" Studie

In Bezug auf die Notwendigkeit einer schärferen Definition des Begriffs „Maturity“ sind folgende Ergebnisse interessant, die sich aus der Unterscheidung nach B2B und B2C-Anwendungen derselben Technologie ergibt.

 

Im Bezug auf Virtuelle Assistenten gibt es im B2C Markt bereits Applikationen, die vollkommen im Markt integriert sind und auf große Zustimmung der Benutzer treffen. Hier reden wir von Sprachassistenten wie Siri, Google Home oder Alexa. Dies sind persönliche virtuelle Assistenten, welche bereits Aufgaben, wie zum Beispiel Musikwiedergabe, Wettervorhersage, Nachrichten oder auch Einkäufe tätigen können. Mittlerweile befinden sich diese Produkte in ihrer mindestens dritten Generation und nicht wie von Gartner prognostiziert in der zweiten.

Auch wenn die Funktionalität dieser Assistenten noch stark ausgebaut werden kann, also die technologische Reife nicht sehr hoch ist, ist die Marktdurchdringung bereits hoch, so dass z.B. Cortana von Microsoft bereits nicht mehr für Privatanwender weiterentwickelt wird.

Ein anderes Bild ergibt sich im B2B Markt. In dem von Iceventure definierten Martsegement KI basierte virtuelle Business Assistenten (AIVA) sind Businessanwendungen vorhanden, die zum Beispiel eine Zeitersparnis von 1,5 Stunden pro Tag versprechen. Diese Anwendungen zielen darauf, sich täglich wiederholende Aufgaben in Unternehmen automatisieren zu können und somit Zeit für andere Aufgaben zu sparen. Gängige Aufgaben sind hierbei der automatische Versand von Emails, Zeitpläne, Kalender, Organisation und Konferenzmitschnitte und Transkript oder das Zusammenfügen von Apps. Dabei sind die Applikationen bereits vollkommen in den Unternehmen integriert und fester Bestandteil des Unternehmenserfolgs.


Daraus können wir schließen, dass Virtuelle Assistenten bereits eine gewisse Marktreife erlangt haben und nicht nur im B2C, sondern auch im B2B sinnvolle und wertvolle Applikationen beinhalten.

Doch bei der Betrachtung von AI-basierten Business Assistenten kommt ein weiteres Problem wie oben beschrieben hinzu. So ergaben unsere Tests, dass die Ergebnisse z.B. im Bereich Spracherkennung nicht befriedigend sind – ein Widerspruch zu der Positionierung auf dem Hype Cycle der Technologie Spracherkennung für sich genommen.


Neben diesem Wiederspruch fordern die spezifischen Technologieeigenschaften von KI zu einer frühen Adaptionsstrategie von AIVAS auf.

 

Ein kritischer Umgang mit dem Gartner Hype Cycle tut Not

Der Gartner Hype Cycle ist ein bedeutsames Tool für Investitionsentscheidung in Unternehmen und hat daher einen großen Einfluss auf Wirtschaft und Politik. Doch wie gezeigt, ergeben sich in der Praxis bei dem intuitiven Tool und deswegen weit verbreiteten Tool eine Reihe von Fragen.

Denn um eine Technologie und den Ausbringungspfad zu bewerten spielen viele Faktoren auch auf der Marktseite, ebenso wie strukturelle Aspekte eine Rolle. Deshalb nutzen wir als Beratungsunternehmen in unserem Bereich Technologiebewertung eine Reihe von weiteren Indikatoren, um die Einordnung einer Technologie und den Reifegrad vorzunehmen. Dies gilt auch für den wirtschaftlichen Impakt in Form von Entwicklung, Nutzen und Kosten.

Eine Studie, die die Annahmen des Hype Cycles überprüfen und einen allgemeinen, alternativen Bewertungsrahmen enthält, um unsere Kunden bei Investitionsentscheidungen zu helfen, ist im Moment in Arbeit. Die Studie wird voraussichtlich Ende 2020 für Sie erhältlich sein.

ICEVENTURE – Ihr Technologieexperte, nicht nur für Virtual Assistants

Für unsere Kunden bieten wir eine vollständig personalisierte Marktforschung und Beratung über den heutigen Markt der virtuellen Assistenten. Als erfahrenes Beratungsunternehmen im Bereich der neuen Technologien verfügen wir über ein breites Netzwerk von Spezialisten, Experten und Start-ups.

Als Technologiespezialisten helfen wir mit unserem Network, Expertise und unseren Tools Ihrem Unternehmen dabei, die richtigen Trends zu erkennen und beraten sie von Anfang bis Ende bei Ihrer Investitionsentscheidung. Wir identifizieren und bewerten Technologietrends und ermitteln deren Auswirkungen auf den Markt und auf einzelne Marktteilnehmer.

Autoren: Arnbjörn Eggerz und Timothy Robb

Quellen:

(1) Recherche von Iceventure

(2) Understanding Gartner’s Hype Cycles. 20 August 2018; Jackie Fenn, Marcus Blosch - https://www.gartner.com/en/documents/3887767

(3) Hype Cycle for Emerging Technologies, 2017; Mike Walker – https://www.gartner.com/en/documents/3768572/hype-cycle-for-emerging-technologies-2017

 
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